© Adolf Riess / pixelio.de

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Als ich am Montag Abend beim durchschalten der Fernsehrogramme auf dem RBB landete und Sätze hörte wie: „75 % der S-Bahnen werden ausfallen…“ „Ab Mittwoch gilt ein Notfahrplan…“, dachte ich, ich sähe die Tageschau vor 3 Monaten oder eine ähnliche Sendung (Tatsächlich gibt es ja die Tagesschau vor 20 Jahren. Sehr interessant!).

Kaum dass die S-Bahnen wieder einigermaßen regelmäßig fuhren, kommt nun der nächste Hammer der Berliner S-Bahn:

Aufgrund kurzfristig notwendiger sicherheitsrelevanter Überprüfungen bietet die S-Bahn ab Dienstag, 08.09.09 nur einen stark eingeschränkten Fahrplan an. Es werden nicht alle Streckenabschnitte bedient. Bei mehreren Zügen wurden defekte Bremszylinder entdeckt…

Nun saß ich da und überlegte, was ich morgen machen sollte. Mein üblicher Arbeitsweg beginnt mit dem Bus, dann Umstieg in die U-Bahn, rüberflitzen zur S-Bahn und zum krönenden Abschluss noch mal in die Tram. Außer Flugzeug und Taxi nutze ich also täglich alle ÖPNV-Verkehrsmittel :-)

Ich beschloss meine Abfahrtszeit um 20 Minuten vor zu verlegen, dann hätte ich genug Reserve nach hinten raus, um rechtzeitig auf der 35 Kilometer entfernten Arbeitsstelle zu sein … zumindest dachte ich das:

Fahren Sie Bus und Bahn, dann kommen Sie entspannt zur Arbeit – oder „Die Odyssee des Andreas“

Um kurz nach 6 Uhr verließ ich die heimatlichen Gefilde. Der Bus kam pünktlich und fuhr auch zügig zum U-Bahnhof. Der Umstieg klappte wie am Schnürchen. Zuerst die obligatorische Brezel beim Bäcker gekauft und ab in die Bahn.

Hier konnte man bereits eine leichte Überfüllung erkennen, die darauf schließen ließ, dass ich nicht der Einzige war, der beschlossen hatte früher los zu fahren… Am S-Bahnhof angekommen, bin ich zum Bahnsteig hoch gesprintet, in der Hoffnung nicht zu spät zu kommen … das hätte ich mir sparen können!

In Berlin findet man auf vielen Bahnhöfen Anzeigetafeln mit der voraussichtlichen Ankunftszeit der nächsten Bahn:

S 41 Gesundbrunnen 15 Min
S 41 Ring                      19 Min

Dies las ich und dachte mir: „Na, zum Glück bist Du früher hier als sonst … das schaff ich noch“ … denkste!

Nach ungefähr 5 Minuten standen immer noch die gleichen Zeiten da. Kurz darauf sollte meine Bahn dann doch in 18 Minuten kommen … die Zeit lief. Nach weiteren 5 Minuten schaute ich ein weiteres Mal auf die Anzeige und verschluckte mich fast:

S 41 Gesundbrunnen 4 Min
S 41 Ring                    31 Min

Noch 31 Minuten… in diesem Moment fuhr die Bahn zum Gesundbrunnen ein und ich dachte mir, da dies ein großer Umsteigebahnhof ist, fahr doch erst mal da hin. Hätte ich es mal gelassen… Im Gesundbrunnen angekommen, sah ich auf dem Bahnsteig rund 300 Leute stehen. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass hier schon länger keine Bahn durchgekommen war. Im Gegensatz zu meinem vorherigen Bahnhof, wurden hier aber regelmäßig Durchsagen zum Stand der Dinge gemacht … und die gefielen mir gar nicht:

Die nächste Ringbahn fährt in 30 bis 35 Minuten

Hä? Vor 7 Minuten sollte sie doch noch in 31 Minuten kommen? Na, ja. Nun war ich schon mal hier….

Die Durchsagen wurden regelmäßig fortgeführt, nur änderte sich nichts an den 30 bis 35 Minuten. Hier rief ich kurz zu hause an, um mir von meiner Frau eine Ausweichmöglichkeit raussuchen zu lassen … erfolglos. So blieb mir nichts anderes übrig, als weiterhin zu warten.

Manche Menschen sind schon ein besonderer Schlag. Im Gegensatz zu mir, der ich mir sage: „Dann kann ich eben nichts daran ändern.“, gab es auf dem bahnsteig Zeitgenossen, die sich durch lautes geschimpfe Luft machten. Unverständlich ist mir ur, warum sie es an den Bahn-Angestellten auslassen, die wirklich ihr Bestes gaben die Wartenden zu informieren. Ich bekam mehr als eine perönliche Beleidigung mit, die erst aufhörten, als die Bahnpolizei dem Geschreie auf den Grund gehen wollten.

Ich werde hier jetzt nicht jede Warteminute schildern :-) Das würde dann doch ein wenig Langweilig werden…

Inzwischen waren 55 Minuten vergangen, seit ich am anderem Bahnhof die Ankunftszeit von 19 Minuten mitgeteilt bekommen habe … die S-Bahn kam. Zuerst öffneten sich die Türen nicht und Fahrgäste klopften sowohl von innen, als auch von außen an die Türen … aber sie öffneten sich doch.

Ein weiteres Phänomen ist das Ein- und Aussteigen. Alle wollen sie dies gleichzeitig tun. Komisch, dass das nicht klappt, oder? Vonn innen wurde gedrängelt, von außen ließ man schweren Herzens eine Gasse von vielleicht 30 Zentimetern … ideale Voraussetzungen für schnelles Ein- und Aussteigen …. letzten Endes schaffte ich es jedoch rein zu kommen. Habt ihr schon mal eine Dokumentation von der Tokioter U-Bahn gesehen? Wenn ja, dann habt ihr gesehen, wie die Fahrgäste sich gegenseitig reingeschoben haben. Nun, hier hatten wir den gleichen Effekt. Endlich weiß ich, wie sich eine Sardinendose in der Achterbahn fühlt.

Wir standen dicht an dicht, es war kein Zentimeter mehr Platz. Zumindest konnte man nicht umfallen ;-)

Die interessantesten Momente waren die Stopps im nächsten Bahnhof. Wer schlau war, hat rechtzeitig Bescheid gegeben, so dass durch geschicktes drehen oder Bauch einziehen die Person sozusagen zur Tür geschoben werden konnte. Am Bahnhof angekommen begann der Kampf gegen die Massen auf dem Bahnsteig, welche partout die Tür nicht freimachen wollten, sondern erst einsteigen, um dann die Leute raus zu lassen … da setzt bei vielen wohl die Logik aus. Leider haben es, trotz intensiver Bemühungen, nicht alle Wartenden geschafft in die Bahn zu kommen.

Je weiter wir fuhren, umso mehr Platz bekam ich, denn viele der Neueinsteiger weigerten sich rigeros die Lücken zu füllen. Die Meisten blieb stur an der Tür stehen, was zur Folge hatte, dass immer weniger zusteigen konnten. So ging das 5 Stationen weiter … bis meine kam. Eine kurze Umfrage bei den Umstehenden ergab, dass gut die Hälfte austeigen wollte. Somit sollte der Weg zur Tür kein Problem darstellen. Doch ich hatte nicht mit den Wartenden auf dem Bahnsteig gerechnet … obwohl ich hätte tun sollen …

Mit Müh und Not konnte ich mich bis zur Tür „durchschlagen“. Allerdings nicht rechtzeitig, um noch heraus zu kommen. Ein kräftig gebauter „Mann“ (so Anfang 20) bahnte sich bereits seinen Weg herein, ungeachtet meiner Person und der 7 oder 8 hinter mir. So blieb mir, als eigentlich friedvolle Person, nichts anderes übrig, als meine zierlichen 1,96 Meter und xxx Kilo (ich sag es nicht ;-)) einzustetzen. Der Rüpel wurde mit freundlichen Hinweisen hinausgeschoben … durch die Gasse von 30 Zentimetern …

… und so konnte ich meine Tram erreichen und mit einem fröhlichen Lächeln Marke „Ich hab es geschafft“ nach einer Fahrtzeit von 2 Stunden 10 Minuten meine Arbeitskollegen begrüßen. Ich muss hier wohl nicht erwähnen, dass ich mit „Mahlzeit“, „Haben Sie die Abendzeitung mitgebracht“ oder „Wo ist das Mittagsessen“ begrüßt wurde. Schön, wenn Kollegen mitleiden ;-)

Wenn jemand auch eine schöne S-Bahn-Geschichte hat, dann er sie gerne zum Besten geben!